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19.11.2017 --- 4:19

Zeigt her Eure Füsse!

oder ein Plädoyer für das Barfusslaufen.

erschienen im Stadtmagazin BLICK. des Landkreises SFA - Ausgabe 02/2009 

Füße haben etwas Geheimes an sich, tagtäglich werden sie in Socken versteckt, wechseln vom Puschen in den Straßenschuh, von dort in die Turnschuhe und wieder zurück in die Puschen. Unterbrochen meist nur vom Schlafen, Duschen, alles natürlich in unseren 4 Wänden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als 14-jähriger darüber gelacht habe, als meine große Schwester mir erzählte, dass sie gerne ihrem Freund die Füße massierte. Alle Menschen, die ich damals kannte, waren kitzelig an den Füßen, wie konnte da so etwas passieren. Irgendwie fand ich das damals eklig. Okay, als 14jähriger habe ich die Füße den ganzen Tag zum Rennen und Kicken gebraucht. Alles andere war überflüssig. Später habe ich dann in meinem Beruf aber immer häufiger erlebt, wie viele Menschen es gibt, denen ihre Füße peinlich sind. Bei den meisten dreht es sich immer wieder um das leidige Thema Fußgeruch, viele mögen die Form ihrer Füße oder Zehen nicht und finden sie sogar hässlich. Glücklicherweise hat sich mein Verhältnis zu meinen Füßen seitdem deutlich gebessert, es ist eine Freundschaft daraus geworden, wir gehen quasi durch dick und dünn. Irgendwann habe ich dann auch begriffen, wie dieses Missverhältnis zu unserer Erdung entsteht.

Während meiner Ausbildung habe ich längere Zeit an der Nordsee auf der Insel Juist gearbeitet. Wer den Nordseestrand kennt, weiss, dass es dort eine Menge Muschelsplitter gibt auf denen das Gehen anfangs wie Folter ist, die Füße sich aber nach ein paar Tagen butterweich daran gewöhnt haben (wenn sie erst einmal „entschreckt“ sind). Wir teilten damals die Welt in zwei Hälften ein, die Barfußgänger und die Schuhträger. Wir konnten es nie begreifen, dass jemand freiwillig am Strand Schuhe anziehen kann. Irgendwann haben wir noch herausgefunden, dass es Eltern gab, die auch ihren kleinen Kindern im Sommer bei 30° Schuhe am Strand anzogen, damit die Kleinen sich nicht die Füße an Killermuscheln aufschlitzten. Ich glaube, das war die Zeit, in der auch Säuglingen schon Schuhe mit orthopädischen Fußbett empfohlen wurden.

Mittlerweile hat sich einiges geändert, barfuß gehen ist erfreulicherweise „in“. Auch die meterdicken Sohlen unter den Joggingschuhen (der die Jogger gerne zum Sprungstil animiert hat) werden langsam wieder dünner, nachdem die Firma mit dem schwungvollen Zacken das Thema angetrieben hat. Auch der Wunsch in den Schuhgeschäften nach einem Schuh, in dem man wie auf Wolken geht, hat sich langsam erledigt. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis die Mediziner uns bestätigt haben, was jeder weiss, der oft barfuß auf Sand oder Gras geht: es fühlt sich einfach besser an und was sich besser anfühlt ist meistens auch gesünder. Sprich: es ist besser, die Füße auf dem Boden zu haben, als auf Schaumstoff. Interessanterweise haben mittlerweile selbst einige Fußballbundesligaclubs Fußpfleger/innen in der Gehaltsliste. Mensch, ist das progressiv, jeder Metzger schärft sein Messer, jede Friseurin ihre Schere und auch im Jahre 2009 sind unsere Berufskicker schon so weit, ihr Berufskapital in Ordnung zu bringen. Ich muss an dieser Stelle übrigens mal für die vielgeschmähten Flip Flops in die Bresche springen und damit den Zorn der Orthopäden auf mich ziehen. Es wird immer behauptet, mit Flipflops fangen die Menschen an zu schlurfen, dies stimmt definitiv nicht. Wer einmal in Afrika gewesen ist und gesehen hat mit welcher Würde Menschen auf Flipflops förmlich schreiten können, weiss genau, dass das Schlurfen nicht durch die Flops entsteht, sondern durch unseren verkrampften europäischen Gang. Also: Zehen locker lassen und einfach so tun, als ob man barfuß gehen würde. Wenn dann etwas schlurft ist es allenfalls die Sandale, aber nicht der Fuß.

Unser Fuß hat nämlich nicht nur einen ausgesprochen komplexen anatomischen Aufbau, sondern ist auch mit einer Menge Gefühl und Reflexen ausgestattet. Wer schon einmal eine gute Fußreflexzonenmassage genießen durfte, weiß wie genial das ist. Die Sensorik erlaubt Menschen mit Missbildungen in den Armen mit den Füßen kleine Wunder zu vollbringen. Und sie ist eine der limitierenden Faktoren bei allen sportlichen Leistungen. Ohne einen lockeren, beweglichen und trainierten Fuß kann man keine Höchstleistung erbringen. Beim Sprung ist unser Fußgelenk der Hauptbeschleunigungsfaktor, beim Schwimmen eine Art Antriebsschraube, beim Laufen unser Federungs- und Dämpfungssystem. Warum können wir uns nicht als Otto Normal genauso um unsere Füße kümmern wie ein Leistungssportler. Abends nach Hause kommen und statt TV glotzen, sich auf den Boden hocken, und die Füsse nach einem Arbeitstag massieren oder massieren lassen. Was hält Sie davon ab? Weil sie stinken? Okay, dann nach dem Duschen. Wann haben Sie sich zum letzten Mal wirklich um Ihre Füße gekümmert. Und dabei meine ich nicht nur Nägelschneiden, sondern das volle Programm. Es ist nicht schwer, es ist nicht kompliziert. Man braucht nur viel barfuß gehen, ein paar Übungen, viel Pflege und ein wenig Massage und schon bleibt unser Fahrwerk intakt. Vor allem braucht man etwas Mut, seine Füße wieder auszupacken, sie anzufassen und zu zeigen.