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19.11.2017 --- 4:20

Bis ins hohe Alter!

erschienen im Stadtmagazin BLICK. des Landkreises SFA - Ausgabe 04/2008 

oder, wie man die Zellalterung austrickst.

 

Dass ich diesen Artikel zum Zeitpunkt der Rentenerhöhung schreibe ist tatsächlich Zufall. Ich möchte mich an dieser Stelle auch gar nicht in die Debatte um Generationensolidarität einmischen. Mir hat das Arbeiten mit älteren Menschen immer viel Spaß gemacht, weil sie oft weniger stressbelastet und mit klareren Vorstellungen zu uns kommen und oft sehr wissbegierig sind. Immer wieder, vor allem in meiner früheren Arbeit in der Rehabilitation habe ich aber auch den Satz gehört „na ja, im Alter wird ja sowieso alles schlechter“. Gemessen an dem was ein Mensch maximal aus seinem Leistungsvermögen im Laufe seines Lebens hätte herausholen können stimmt das sicherlich. Tatsache ist, dass es eine Zellalterung gibt, die (glücklicherweise) keiner von uns aufhalten kann. Der heilige Gral und der Jungbrunnen wurden noch nicht gefunden und die Hoffnungen, die uns die Pharmaindustrie und die plastische Chirurgie hier machen wollen, möchte ich hier nicht kommentieren.

Gehen wir mal davon aus, dass unsere Zellen jeden Tag etwas müder und älter werden. Wir verlieren also ab 30 jeden Tag etwas von unseren Möglichkeiten verlieren. Schade, aber wahr. Jetzt gehen wir also weiter davon aus, dass jeder 50jährige vielleicht gerade mal 60 % seines (altersgemäß möglichen) geistigen und körperlichen Leistungsvermögens ausgeschöpft hat. Wenn wir jetzt einfach mal behaupten, dass diese 50 % trainierbar sind, dann wäre es ja denkbar, das man die Zellalterung mit Training einfach überholen kann. Man kann! Wir können unsere Konzentration trainieren, wir können uns in unserer Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Koordination, im Gleichgewicht und in unseren Sinnesorganen üben. Wir können entspannter werden, freundlicher aufgeschlossener und weiter werden. Wir können uns in jedem Alter verändern. Wirklich? Natürlich, jeder der mit Menschen arbeitet weiß das. Wir verändern uns jeden Tag und wenn wir es selber etwas mehr in die Hand nehmen durchaus zum posiven. Beispiel Gleichgewicht: im Laufe unseres Lebens verschlechtert sich unser Gleichgewichtssinn, aber nicht, weil das unser hinzunehmendes Schicksal ist, sondern weil es im Alltag so wenig trainiert und gefordert wird. Nehmen wir einen fiktiven 65jährigen Mann nach der Berentung. Aufgrund meist einseitiger Arbeitsbelastungen wird er in seinem Gleichgewicht eingeschränkt sein. Balancieren geht oft nicht gut, einbeiniger Stand schon gar nicht, aus dem Auto heraus manövrieren wird langsam schwierig. Die Folgen eines schlechten Gleichgewichts sind weitreichend, der Muskeltonus wird höher, schwierige Bewegungen werden zunehmend gemieden, der Schlaf wird schlechter, usw. Würde dieser Mensch ein gezieltes Training an seiner Balance, seiner Haltung, seinen Sinnen, seiner Ausdauer, seiner Kraft und Beweglichkeit beginnen, so könnte er die negative Spirale umdrehen. Wenn Sie es ausprobieren möchten, machen Sie ein Experiment, die asiatische Hocke. Wenn wir Europäer uns bücken, beugen wir uns in aller Regel über unsere Knie (wie früher im Sport bei der elenden Kniebeuge). Das mag weder unser Knie noch unser Rücken. Asiaten setzen sich beim Bücken mit dem Po nach hinten runter (wie ein Skispringer im Anlauf). Probieren Sie es mal aus. Stellen Sie sich etwas mehr als schulterbreit hin, Füße zeigen etwas nach außen. Setzen Sie sich in Zeitlupe mit dem Po nach hinten auf einen imaginären Hocker. Stellen Sie sich vor, dass Ihr Steiss dabei nach hinten gezogen wird und Ihre Hände Sie nach vorne ziehen. Gehen Sie nur soweit runter, dass Ihre Füße satt auf dem Boden stehen bleiben können. Atmen Sie tief in der Übung durch und versuchen Sie sich dabei soweit wie möglich zu entspannen. Das Ganze jetzt 5 mal, jeden Tag über 30 Tage. So und dann gucken Sie mal, was passiert. Wenn es irgendwo wehtut, gehen Sie nicht in den Schmerz, sondern enden davor. Okay, es ist ein langwieriges Experiment, nicht unbedingt geeignet für zwischendurch, aber wenn Sie wirklich neugierig sind, wie sich Ihr Körper noch verändern kann, lohnt es sich. Wir haben mit dieser einfachen Übung schon oft ältere Menschen dazu gebracht, sich fast wieder bis auf den Boden setzen zu können, eine der wichtigsten Übungen um bis ins hohe Alter hin selbstständig bleiben zu können (sie finden die Übung unter www.studiotvjahn.de im Bereich Übungen/Stabilität/asiatische Hocke.

Fragen Sie die Menschen, die in Studios, in Yoga- und Pilateskursen, beim Nordic Walking intensiv an sich „arbeiten“, wie sich plötzlich die Perspektive ändert, wie aus Stagnation Weiterentwicklung wird und Sie werden bestimmt nicht mehr daran zweifeln, das „alles auch besser werden kann“. Es lohnt sich in jedem Alter, an sich zu arbeiten, sich zu verändern und nicht nur „wegen der Gesundheit“, sondern vor allem auch, weil sich unsere Lebensqualität und unsere Zufriedenheit ändern wird. Vielleicht nicht im Vergleich zu der Zeit in der Sie zwanzig waren, auf alle Fälle aber im Vergleich zum gestrigen Tag und das jeden Tag aufs neue. Was für eine Möglichkeit. Vielen Dank übrigens an Pierre Rehfeld für die Anregung zu diesem Artikel.