„So gibt es nur Verlierer“ – Olaf Neuenfeld spricht über seine Entlassung als Faustball-Bundestrainer der Männer
Mehr als 20 Jahre, 187 Länderspiele und zwölf internationale Titel – dann war die Ära innerhalb eines Gesprächs von 15 Minuten beendet. Faustball Deutschland hat sich mit sofortiger Wirkung von Männer-Bundestrainer Olaf Neuenfeld getrennt. Für den Schneverdinger kam die Entscheidung nach eigener Aussage völlig unerwartet.
In der Faustballszene wird nun über das Aus eines der erfolgreichsten Trainer des deutschen Faustballs diskutiert. Auch einige Tage später beschäftigt Neuenfeld die Entscheidung noch: „Nach drei schlaflosen Nächten und der Suche nach den wirklichen Gründen der Entlassung geht es mir mittlerweile etwas besser. Momentan ist es aber immer noch ein Mix aus Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Wut.“ Vor rund einer Woche wurde Neuenfeld in einem persönlichen Gespräch über das Ende der Zusammenarbeit informiert. Zwei Tage später machte er seine Entlassung selbst öffentlich. Fast zeitgleich würdigte Faustball Deutschland in einer Mitteilung sein „jahrzehntelanges Engagement“, seine „hohe fachliche Kompetenz“ und seine Verdienste – konkrete Gründe für die Trennung nannte der Verband öffentlich jedoch nicht. Neuenfeld kritisiert genau das. Eine schriftliche Begründung habe auch er nicht erhalten. Eingeladen worden sei er vom vierköpfigen Vorstand lediglich zu einem Gespräch über die Zukunft der Männer-Nationalmannschaft. „Mehr Infos hatte ich nicht. Ich hatte schon ein komisches Gefühl und habe darauf bestanden, dass mein Co-Trainer Chris Löwe dabei sein soll“, berichtet Neuenfeld. Leistungssportreferent Markus Knodel, der für die Nationalmannschaften zuständig ist, habe schließlich einen etwa fünfminütigen Text verlesen und zum Ende die sofortige Trennung ausgesprochen. „Der Beschluss des Vorstands stand fest und ich hatte keine Chance, Stellung zu beziehen.“ Nach Neuenfelds Darstellung wurden ihm vor allem das gestörte Verhältnis zu Knodel, Kommunikationsprobleme sowie Kritik am Umgang mit Spielern und anderen Beteiligten vorgehalten. Dass das Verhältnis zwischen beiden schwierig war, bestreitet Neuenfeld nicht. „Mit Markus Knodel war die Zusammenarbeit von Anfang an schwierig. Wir kennen uns schon seit Jahrzehnten und mochten uns tatsächlich noch nie so richtig. Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Dennoch habe die Zusammenarbeit aus seiner Sicht professionell funktioniert. Dabei nimmt Neuenfeld sich selbst nicht aus der Kritik: „Ich habe sicherlich auch nicht alles richtig gemacht und habe meine Eigenarten, aber Ehrlichkeit steht bei mir immer an oberster Stelle.“ Vor allem aber der Zeitpunkt lässt für Neuenfeld Fragen offen. Noch wenige Wochen zuvor wurde für die Zukunft geplant. Anfang August sprach er nach eigener Darstellung mit Knodel über 2027, während der EM sogar über die Unterkunft für die im kommenden Jahr bevorstehende WM in Brasilien. Zuvor war Neuenfeld im Frühjahr noch zu einer Zukunftssitzung des Verbandes eingeladen worden. Zwar habe es zuvor bereits zwei Krisengespräche gegeben, in denen eine Art „Burgfrieden“ geschlossen worden sei. Eine Zusammenarbeit sei für ihn aber weiterhin möglich gewesen. „Ich konnte die Situation immer professionell ausfüllen und im Grunde genommen hatten wir ja auch immer das gleiche Ziel, nämlich den Erfolg. Das hat Markus auch so gesehen, zumindest hat er mir das gesagt.“ Wann das Vertrauensverhältnis aus Sicht des Verbandes endgültig zerbrach und warum noch kurz zuvor gemeinsam für 2027 geplant wurde, bleibt in dessen öffentlicher Mitteilung unbeantwortet. War vielleicht die EM der Wendepunkt? Auffällig ist die zeitliche Nähe zur Europameisterschaft in Dänemark. Sportlich erreichte Deutschland mit einem deutlich veränderten Kader das Finale und gewann Silber. Hinter den Kulissen beschreibt Neuenfeld die Tage allerdings als konfliktreich. Besonders das Auftreten Knodels als Delegationsleiter und dessen Umgang mit Teammanager Ralf Klein hätten zu Spannungen geführt. „Ein Delegationsleiter bei einer Meisterschaft sollte sich in meinen Augen um die Belange der Mannschaft kümmern. Das hat Markus leider in keinem Moment getan“, kritisiert Neuenfeld. Besonders eine Entscheidung habe ihn im Nachhinein irritiert: Knodel habe Klein bereits am ersten Spieltag mitgeteilt, dass dieser seinen Posten im folgenden Jahr verlieren werde. „Zum Glück habe ich das erst nach der EM erfahren, denn Markus hat mit so einer unabgesprochenen Aktion den gesamten EM-Erfolg aufs Spiel gesetzt“, sagt Neuenfeld. Nach der EM wandte er sich selbst an den Vorstand und äußerte Kritik an Knodel. „Auf meine Kritikpunkte, die aus dem Feedback der Mannschaft, des Trainerstabs und sogar von unseren Fans kamen, wurde nicht eingegangen. Das nächste Gespräch war meine Entlassung.“ Ob zwischen beiden Vorgängen ein ursächlicher Zusammenhang besteht, ist offen. Schwer wiegt zudem der Vorwurf, das Verhältnis zwischen Bundestrainer und Mannschaft sei nicht mehr zielführend gewesen. Neuenfeld widerspricht dieser Darstellung. „Als Bundestrainer hat man niemals nur Freunde, da man Entscheidungen treffen muss und von 20 Spielern eben nur zehn nominieren kann.“ Einen grundsätzlichen Bruch zwischen Trainern und Mannschaft habe er nicht wahrgenommen. Gleichzeitig gibt ihm die Zeit nach seiner Entlassung zu denken: „Gegen meine Wahrnehmung spricht allerdings, dass sich seit meiner Entlassung nur fünf von 20 Spielern bei mir gemeldet haben. Das ist in der Tat enttäuschend.“ Bereits nach den World Games 2025 war Neuenfeld mit einem anonymen Schreiben eines unzufriedenen Spielers konfrontiert worden. Nach seiner Darstellung sei Knodel an dessen Zustandekommen beteiligt gewesen und habe den Verfasser gekannt. Neuenfeld kritisiert den gewählten Weg scharf: „Man kann mir alles ins Gesicht sagen, aber dieser Weg ist einfach nur primitiv.“ Dass nach mehr als zwei Jahrzehnten irgendwann ein anderer Trainer übernehmen könnte, stellt Neuenfeld grundsätzlich nicht infrage. Mehrfach habe das Trainerteam seit 2023 signalisiert, seinen Platz freizumachen, wenn die Verantwortlichen sportlich einen neuen Impuls wollten. Was ihn deshalb besonders trifft, ist die Art der Trennung. Im Gespräch sei ihm angeboten worden, selbst seinen Rücktritt zu erklären und damit einen „selbstbestimmten und respektvollen Übergang“ zu ermöglichen. Das lehnte Neuenfeld ab. „Ein Rücktritt meinerseits kam zu keinem Moment infrage. Das wäre ja gelogen – und warum sollte ich mich und die Faustballgemeinschaft anlügen?“, sagt er. Die Verantwortlichen hätten ihn seit Jahrzehnten gekannt. Die nun gegen ihn erhobenen Vorwürfe könne er nicht nachvollziehen. Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: „Auf diese Art und Weise gibt es nur Verlierer in dieser Sache.“ Rückhalt erfährt der Schneverdinger seitdem aus der Faustballszene. Zahlreiche Nachrichten und Reaktionen hätten ihn persönlich erreicht – geprägt von Zuspruch, aber auch Fassungslosigkeit und Unverständnis über die Art des Abschieds. „Ich habe am vergangenen Wochenende von über 90 Personen aus der ganzen Welt Zuspruch erhalten“, berichtet Neuenfeld. Darunter seien auch Menschen gewesen, die er kaum kenne, die aber seine jahrelange Arbeit anerkennen und respektieren würden. Die Stellungnahme des Verbandes empfindet er dagegen als „oberflächlich und inhaltlos“. Unabhängig vom Streit über das Ende bleibt eine außergewöhnliche sportliche Bilanz. Seit Anfang 2006 führte Neuenfeld die deutsche Männer-Nationalmannschaft durch 187 Länderspiele, gewann vier Weltmeisterschaften, fünf Europameisterschaften und dreimal die World Games. Noch 2025 erreichte Deutschland das World-Games-Finale, wenige Wochen vor seiner Entlassung folgte EM-Silber. Nach mehr als 20 Jahren endet damit eines der prägendsten Kapitel des deutschen Faustballs – anders, als Neuenfeld es sich vorgestellt hatte. Die Erinnerung daran will er sich vom Ende nicht nehmen lassen. „Bei mir überwiegt trotzdem die Freude über 20 Jahre erfolgreiche Arbeit, die vielen Erfolge, die vielen tollen Bekanntschaften und Freundschaften sowie die Tatsache, mir immer treu geblieben zu sein.“ Neuenfeld sagt, er könne weiterhin jeden Tag in den Spiegel schauen und habe sich seine Haltung bewahrt. „Ich verlasse den Posten des Faustball-Bundestrainers mit erhobenem Haupt und voller Stolz.“ Mit der Nationalmannschaft habe er abgeschlossen. Mit den Geschehnissen der vergangenen Tage noch nicht: „Dieses Kapitel ist damit für mich endgültig beendet. Die Auseinandersetzung mit dem Vorstand noch nicht.“